Der Weg zum Fischer

An einem Sonntagmorgen bei einem Familienspaziergang…da entfachte eine unscheinbare Bachforelle mein Feuer zum Angeln. Es war ein Feuer das ich zuvor noch nie verspürte. Es war so stark dass ich mich heute noch daran erinnern kann, als wäre es gestern gewesen. Ich empfand einen so unglaublichen Drang, die Forelle zu fangen dass mir alles andere absolut unwichtig erschien. Doch die grosse Frage war: Wie? Wie um Himmels Willen bekomme ich diese wunderschöne Kreatur, die ich unbedingt haben wollte, aus ihrem Element heraus?

Es gab nur eines: Schuhe weg, Hosen hochkrempeln und ab in den Bach. Mit blossen Händen jagte ich der Forelle hinterher, bis ich so klatschnass war, dass ich danach drei Wochen mit einer hässlichen Lungenentzündung im Bett lag. Dies natürlich ohne Fangerfolg!

Es verging nicht eine Nacht ohne Alb- oder Fiebertraum von der Forelle. Ich musste sie einfach fangen. Als ich endlich wieder nach draussen durfte, rannte ich schnurstracks zum Bach. Trotz Verbot meiner Eltern stand ich innert kürzester Zeit wieder an meiner Stelle mit dem kleinen Wasserfall. Ich stand vor dem kristallklaren Wasser und mein Herz schlug dermassen stark, dass ich es bis zum Hals fühlen konnte. Es war einfach mystisch und unbeschreiblich schön. Aber ich stand da wie gelähmt und realisierte, dass die Forelle nicht mehr da war. Sie war einfach weg! Das gibt’s doch nicht: einfach weg! Ich war am Boden zerstört und nach einer gefühlten Ewigkeit beschloss ich den Heimweg unter die Füsse zu nehmen.

Als ich so am Bach entlang schlich, aufs Wasser schielend, passierte es: zack, zack, zack! Wie ein Blitz bewegte sich eine Forelle! Innerhalb von Millisekunden begann es wieder in mir zu brodeln. Eines wusste ich ganz genau: Wieder im Wasser als Tollpatsch herumplantschen, das würde mich nicht an mein Ziel bringen. Es gab nur eins, eine Fischerrute musste her, und zwar im Eiltempo, nur woher?

Meine Eltern hatten mit Fischen nichts am Hut. Mein Bruder nicht, mein Grossvater nicht es gab auch keinen Onkel, den ich hätte fragen können. Kurzum, ich kannte niemanden der mir hätte weiterhelfen können. So gab es nur eine Lösung: Ich baute mir meine eigene Fischerrute. Wie die aussah, kann man sich vielleicht vorstellen, wenn man bedenkt, dass da ein Siebenjähriger ohne Ahnung eine Angelrute bauen will.

Voller Motivation steuerte ich nach Hause. Mein sehnlichster Wunsch war eine Angel! Zuhause angekommen, hatte ich vor lauter Fragezeichen überhaupt keinen Plan und so schnappte ich mir halt eine Fuchsschwanzsäge, einen roten Eimer mit mehr oder minder rostigen Nägeln sowie eine Rolle Päcklischnur und marschierte voller Tatendrang zum Bach zurück.

Es musste eine Rute her, ich sägte mir von einem Haselnussbusch einen Ast ab der mit viel Fantasie einer Fischerrute ähnlich sah. Nagel umbiegen – und schon hatte ich einen Haken, Schnur dran – und das Wichtigste – ein Köder, natürlich den guten alten Wurm.

Gesagt, getan – ich stand also da am Bach mit meiner selbst gebastelten Angelrute und fischte. Mann, war das ein prickelndes Gefühl! Gefangen habe ich natürlich nichts, überwältigt war ich trotzdem.

Schliesslich brachte ich es zu ungefähr fünf Ruten in Eigenkreation. Jede besser als die andere. Ein Bekannter schenkte mir sogar einen echten Angelhaken, damals noch mit Wiederhaken.

Aber wie das so geht, gefangen habe ich immer noch nichts! Es war zum Heulen, aber aufgeben? Das gab es schon damals nicht für mich! Im Gegenteil ich fühlte mich nur noch mehr herausgefordert und feilte so lange an meiner Technik, bis ich dann endlich meinen ersten Fisch fing.

Was dann passierte, ist noch ziemlich schwierig zu beschreiben, da fehlen mir einfach die Worte. Natürlich trug ich den Fisch in meinem roten Eimer nach Hause und wollte meinen Fang unbedingt zeigen. Eines weiss ich, es gibt Momente im Leben die man einfach nie vergisst!

Alles, was danach geschah, war wohl voraussehbar und ging sehr schnell. Ich machte mich mit Fachliteratur und Fischerbüchern vertraut. Nein, nicht nur vertraut, ich habe sie buchstäblich verschlungen. Jede noch so kurze Information speicherte ich in meinem Hirn. Damals gab’s noch kein Internet. Die Informationsbeschaffung war nicht so einfach wie heute, aber offen gesagt, ich bin froh darüber, denn aus den eigenen Fehlern lernt man am meisten.

So ziemlich alles drehte sich bei mir nur noch ums Fischen. Jeder Vortrag, egal ob in der Schule oder später in der Lehre, handelte sich immer ums Angeln. Damals fischte alles was Flossen hatte: Bachforellen, Egli, Hechte, Weissfische.

Weissfische? Dazu gehörte der Brachsmen; ein Karpfenfisch. Wenn es Zeiten gab, da gar nichts biss, griff ich immer wieder gerne zu meiner Stipp- oder Matchrute. Mit ein bisschen Futter und Maden musste man nicht ewig auf Action warten.

Bis zu dem Tag an dem ich einen derartigen Biss bekam … mir ging es regelrecht durch Mark und Bein! Der unglaubliche Kämpfer auf der anderen Seite, so stellte sich dann später heraus, war ein Karpfen. Dieser bewegte sich dermassen gleichmässig, mit solch einer Kraft, dass ich ihn unmöglich stoppen konnte. Ich hätte genauso gut versuchen können, eine Dampfwalze aufzuhalten. Ich realisierte, dass ich absolut keine Macht und vor allem keinerlei Kontrolle hatte. Dieses Gefühl war frustrierend, aber gleichzeitig auch sehr faszinierend – fünf Minuten später fuhr ich mit zerbrochener Angel auf meinem Fahrrad nach Hause und hatte nur noch einen Gedanken im Kopf: Karpfen!

Die Karpfenfischerei hat mich seither nicht mehr losgelassen. Damals war ich 16-jährig als ich mich entschieden hatte. Mein Fokus lag ganz klar auf dem Karpfen. Doch eins war mir auch klar: Es wartet eine Menge Arbeit…

Heute weiss ich: Dass ich dem Karpfenangeln treu bleiben konnte, lag an meiner Motivation. Aber Motivation bedingt Erfolg! Und Erfolg ist mein persönlicher Motor für die Karpfenfischerei. Allerdings: Ich musste mich ganze zwei Jahre gedulden, bis ich erste Erfolge hatte.

Das war hart, sehr hart. Aber ich bin heute noch davon überzeugt, dass man mehr lernt, wenn man nichts fängt als wenn man plötzlich Fangerfolge hat und nicht einmal weiss wieso!

Mir ist die Hege und Pflege der Umwelt mindestens so wichtig wie der Fang. Denn ohne saubere Gewässer, ohne intakte Natur gibt es auch keine Fische!

Im ersten Buch, das ich mit sieben Jahren las, steht auf Seite eins in der ersten Zeile: „Fange nur so viel, wie du verspeisen kannst.“ Ein Satz, der alles ausdrückt, woran ich mich halte. Und deshalb gilt für mich bei der Karpfenfischerei nur eins: Catch and Release! (Fangen und Freilassen!)

Remo Tresch